„Ach,
du machst einen Freiwilligendienst hier? Was hast du denn studiert oder
arbeitest du schon?“
„ Wie alt bist du überhaupt?“
„Und wer bezahlt das?“
„Müssen alle in Deutschland nach der Schule etwas freiwillig machen?“
„Wieso hast du genau
Togo ausgesucht?“
„Sind
da denn überhaupt noch Leute? Die sind doch jetzt eh alle hier in Europa.“
„Willst du denn auch mal einen Afrikaner heiraten?“
„Kannst du dir vorstellen dort Kinder zu bekommen und zu bleiben?“
„Hilfe
wird doch auch hier gebraucht. Dazu musst du ja nicht nach Afrika gehen.“
Ja, so ein Freiwilligendienst bringt so
einige Fragen und auch Zweifel mit sich. Nicht nur bei den Teilnehmenden selbst,
sondern auch bei den Menschen aus unserem Familien- & Freundeskreis,
unseren Kollegen und Bekannten im Gastland und vielen Anderen. All die Sätze
und Fragen oben sind mir genauso begegnet – teils in Togo und teils in Deutschland und zeigen, dass es noch viel
Redebedarf gibt.
Ich kann keinen Gesamtüberblick über die
Entwicklungszusammenarbeit Deutschlands geben und auch nicht für die
verschiedenen Dienste sprechen, aber möchte die Chance trotzdem nutzen, aus
meiner Sicht, von meinen Erfahrungen mit „weltwärts“ zu berichten und zum
Nachdenken anzuregen.
Die Idee zu diesem Beitrag kam mir beim Schauen eines Videos, erstellt von
einer Hilfsorganisation namens ‚Luket Ministries‘, die tätig ist in Uganda. Aufmerksam
auf das Video wurde ich über einen Artikel in der GEO (Ausgabe 03/2017) mit dem
Titel „Dürfen Missionarinnen Rap-Videos drehen?“
In mir keimte die Frage auf: „Wie weit
geht ein Freiwilligendienst und wie weit dürfen Freiwillige gehen?“
Um auf die Suche nach einer Antwort gehen zu können, ist es wichtig die
verschiedenen Möglichkeiten eines solchen Dienstes zu unterscheiden, wobei ich
aus meiner Perspektive erzählen möchte.
Bei „weltwärts“ handelt es sich um einen im Jahre 2007 vom Bundesministerium
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ins Leben gerufenen
entwicklungspolitischen Freiwilligendienst.
Dieser versteht sich vor allem als Lerndienst, der „den Interessen junger
Menschen an einem entwicklungspolitischen Engagement Rechnung tragen und
gleichzeitig einen wirkungsvollen Beitrag zur Entwicklung in den Einsatzländern
sowie zur entwicklungspolitischen Inlands- & Bildungsarbeit in Deutschland
leisten soll.
Unter dem Motto „Lernen durch tatkräftiges
Helfen“ sollen Ziele in den drei Dimensionen: „Globales Denken, Partnerländer
und Inland“ verfolgt werden. Unter anderem soll das Verstehen, Wertschätzen der
Vielfalt von Leben und Entwicklung gefördert werden sowie das globale Denken
und Verstehen. Die Freiwilligen erwerben Qualifikationen und Erfahrungen und
sollen später als Multiplikatoren*innen (in ihrem Herkunftsland) tätig werden.
Darüber hinaus wird ein Beitrag zur Selbsthilfe und Stärkung der Partnerprojekte
erbracht.“ [1]
So viel zur Theorie, aber wie sieht es in der
Praxis aus?
Da es sich um einen Lerndienst handelt, werden von jeder Entsendeorganisation
25 Seminartage organisiert, die aufgeteilt vor, während und nach dem Dienst
stattfinden.
Während des Vorbereitungsseminars haben wir uns nicht nur über persönliche
Themen wie die eigene Motivation, mögliche Herausforderungen und eigene
Erwartungen u.v.m. ausgetauscht, sondern auch viel sachliches Hintergrundwissen
über die koloniale Vergangenheit, Entwicklungszusammenarbeit, die Vermeidung
von (positivem) Rassismus und Klischees,… gelernt.
Uns wurde immer mehr bewusst, dass es sich um einen Lerndienst handelt, da vor
allem wir von den Menschen vor Ort und viel über globale Zusammenhänge lernen
werden.
Keiner von uns ging mit der Illusion, „den Kontinent zu retten“.
Es gibt viel Kritik an diesem Programm und überhaupt am Konzept der
Freiwilligendienste. Ich denke, jeder Freiwillige muss sich dem stellen, um für
sich heraus zu finden, ob er das, was er tut, wirklich vertreten kann
"Who wants to be a Volunteer?"
Der Großteil der „weltwärts“-Freiwilligen absolviert seinen Dienst direkt nach
dem Abitur ohne abgeschlossene Berufsausbildung oder ein voriges Studium, was
den eigenen Wirkungsbereich einschränkt.
Wir kommen quasi mit einem weißem Blatt Papier, was sich Abitur nennt, aber was
berechtigt uns damit gleichwertig mit studierten oder ausgebildeten Menschen zu
arbeiten?
Diese Frage wurde mir in Deutschland als auch
in Togo gestellt und ich finde es immer wieder schwer, darauf zu antworten, da
es mein größter Zweifel vor der Bewerbung war, ob das jetzt der richtige
Zeitpunkt sei für einen Freiwilligendienst.
Für mich war ausschlaggebend, dass die Projektstellen grundsätzlich unabhängig
von den Freiwilligen arbeiten sollen. Sie verstehen uns also nicht als
Arbeitskraft, die nicht bezahlt werden muss, sondern als „Plus“, welches das
Projekt durch einen interkulturellen Austausch von Erfahrungen, Ansichten und
Arbeitsansätzen bereichern kann.
Dabei kann es auch hilfreich sein noch ungeprägt durch die Arbeitswelt in das
Projekt zu gehen, da man so sehr flexibel und offen ist für die kommenden
Aufgaben.
Dabei ist klar, dass wir die uns gestellten Aufgaben nicht besser bewältigen
als Menschen vor Ort, sondern vielleicht eher einen anderen Ansatz wählen und
das darin wohl der größte Nutzen unserer Anwesenheit besteht: im Austausch
miteinander.
Aus eigener Erfahrung würde ich sagen, dass ich durch meine Arbeit im Projekt
unheimlich viel lernen kann, meine Fähigkeiten erweitere, vor allem soziale
Kompetenzen, aber auch fachliche.
Man wird sehr anpassungsfähig, kreativ – vor allem in der Arbeit mit Kindern,
im Unterrichten und lernt viel durch den gemeinsamen Umgang, aber auch durch
das Beobachten der Kollegen oder Kinder untereinander. Wir lernen eine neue
Kultur kennen und sind oft das erste Mal in einem festen Arbeitsprozess
eingebunden bei dem man sich mit Kollegen abspricht, Planung betreibt und auch
feste Voraussetzungen zu erfüllen hat (Schule basiert ja ab einem gewissen
Alter auf Freiwilligkeit und eigener Leistungsbereitschaft).
Die Arbeit mit den Kindern, ihnen lesen, schreiben, rechnen beizubringen, mit
ihnen zu basteln, ihnen zuzuhören - Das
machen meine Kollegen mit jahrelanger Erfahrung. Ich kann also nur versuchen,
es ihnen gleichzutun, sie so gut es geht zu unterstützen und mich bestmöglich
einbringen zum Beispiel mit einigen neuen Ansätzen und Ideen.
Aber vor allem kann ich während und nach diesem Jahr versuchen den Austausch
zwischen den Kulturen weiterhin zu unterstützen. Gewisse Klischees aufklären,
meine Erfahrungen teilen, Interesse am Anderen wecken und aufmerksam machen auf
das, was außerhalb unseres durchschnittlichen medialen Neuigkeitenkreises
passiert.
Wir können also doch Einiges tun - vor allem viel in unserem Heimatland, das
globale Denken voran- und in gesellschaftliche Debatten neue Blickwinkel
einbringen.
Das ist etwas, was ich für sehr sinnvoll halte. Dass junge Leute die Chance
erhalten, ihren Blick auf die Welt zu erweitern und ihre Erfahrung zu
verbreiten, um ihre Zukunft mitzubestimmen.
Das schließt vor allem nicht aus, sondern fördert auch ein weiterführendes
Interesse an der Entwicklungszusammenarbeit und dann vielleicht mit
angeschlossener Ausbildung oder Studium.
Unsere Reise beginnt schon lange bevor wir
ins Flugzeug steigen, indem wir uns mit der Idee eines Freiwilligendienstes
auseinandersetzen, uns über mögliche Gastländer informieren, dann spricht man
das erste Mal über sein Vorhaben.
Wir bauen uns einen Förderkreis auf und treten zu immer mehr
Menschen in Kontakt, hören Zuspruch, aber auch viel Kritik – beides wird uns
letztendlich beschäftigen.
Während des Jahres erfahren wie so viel Neues, unser Weltbild erweitert sich,
verändert sich und wir setzen uns kritisch mit vielen globalen Fragestellungen
auseinander und beginnen Zusammenhänge auf der Welt besser zu verstehen. All
das teilen wir mit unseren Mitmenschen - in Blogs, Telefonaten, Mails,
Gemeindebriefen, Zeitungsartikeln,…
Und auch nach unserer Rückkehr werden wir weiter über das Erlebte sprechen, es verbreiten
und es wird immer ein Teil unseres Lebens sein, der in uns steckt, uns
vielleicht auf neue Wege bringt an die wir vorher nie gedacht haben und uns zu
Entscheidungen verleitet, die wir mit neuem Wissen treffen können.
Bei diesem Prozess müssen wir Freiwilligen Land
und Leuten respektvoll begegnen und uns auf das, was uns vor Ort erwartet,
einlassen. Wir dürfen nicht denken, dass die Art und Weise, wie wir Sachen
angehen, besser ist, sondern müssen verstehen, warum wir Dinge unterschiedlich
angehen und inwiefern wir beim Austausch etwas voneinander lernen können.
Die Illusion, die Welt lässt sich vom einen auf den anderen Tag ändern, bringt
niemanden weiter. Der Glaube, dass jeder von uns die Welt jeden Tag ein wenig
besser machen kann, schon.
Vielleicht kann ich jetzt nicht als Ingenieur helfen, die Wasserversorgung zu
verbessern, als Arzt operieren oder als Krankenschwester helfen, aber mit jedem
neu-gelernten Buchstaben, mit jedem Lächeln, mit jedem gutem Gespräch in dem
man seinem Gegenüber Aufmerksamkeit schenkt, habe ich doch trotzdem etwas
erreicht.
Anbei noch einige Quellen mit denen ihr euch
selbst ein Bild machen könnt zum Umgang mit Freiwilligenarbeit. Vor allem die
Videos sind zu empfehlen - Schmunzel-Garantie. ;-)
[1] = Frei nach BMZ-Evaluierungsbericht 056, „Der entwicklungspolitische
Freiwilligendienst ‚weltwärts‘“
„Let’s save
Africa! - Gone wrong"
„Africa for
Norway – Radi-Aid“
https://www.youtube.com/watch?v=oJLqyuxm96k&spfreload=10